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Schamanismus und moderne Psychotherapie

Carola Seeler

Themenstarter
Aktives Mitglied
Heilpraktiker
Standort
Lübeck
Status
HPP
Artikel
"Schamanismus und moderne Psychotherapie" - Urheberrecht/Copyright: Carola Seeler - veröffentlicht in Magazin VFP Freie Psychotherapie 1/13 - NUR zur Diskussion hier im Internen Forum

Zitatanfang
Schamanismus und moderne Psychotherapie?

„Auserwählt von Geistern, von ihnen gelehrt, in Trance zu fallen und mit ihrer Seele zu anderen Welten im Himmel zu fliegen oder durch gefährliche Spalten zu den Schrecken der Unterwelt zu klettern, bis auf die Knochen abgemagert (in Jagdgesellschaften sind Knochen der Kern des Lebens) und dann wieder zusammengefügt und wiedergeboren, ausgestattet mit der Macht, Geister zu bekämpfen und deren Opfer zu heilen, Feinde zu töten und die eigene Gemeinschaft vor Krankheit und Hunger zu schützen – das sind die Grundzüge schamanischer Religionen in vielen Gegenden der Welt.“
(aus „Schamanismus“ von Piers Vitebsky, Duncan Blaird Publishers, 2001)

Der Begriff taucht in dieser Form zuerst im 17. Jahrhundert u. Z. im deutschen Sprachraum auf. Es wird angenommen, dass er der Sprache der Ewenken entlehnt ist, einer kleinen, tungusisch sprechenden Gruppe von Jägern und Rentierhirten in Sibirien. Hier bedeutet er Begriff „šaman“ soviel wie „wissen“, „denken“. Im Mandschurischen (dem Tungusischen verwandt) wiederum bedeutet der Begriff „samarambi“ "um sich schlagen“ oder „sich empören", bezeichnet also einen Zustand der Ekstase, des „Außer sich seins“. Hinweise dafür gibt es auch in Aufzeichnungen des chinesischen Historikers Xu Mengshen aus dem 12. Jahrhundert unser Zeitrechnung. Danach wurde die Bezeichnung „Schamane“ von den Vorfahren der Manju für ihre weiblichen Magier verwendet.

Schamanismus ist uralt und lässt sich 30.000 Jahre zurückverfolgen. Unsere moderne Psychotherapie hingegen ist gerade gute 100 Jahre alt, und dennoch meinen wir, mit ihr schon alle Antworten gefunden zu haben. Wir gehen davon aus, dass unsere „reale“ Existenz in der „realen“ Welt das ist, was „realistisch“ ist. Alles andere ist Traum – oder Wahn. Und das, was wir uns nicht „logisch“ erklären können, gehört zu den „Dingen zwischen Himmel und Erde“, die man eben nicht erklären kann….“. „Alles“ spielt sich in unserem Inneren ab, spiegelt unser Unbewusstes, nicht aber die Realität. Im Schamanismus hingegen ist die Dimension der Geister allgegenwärtig, auch wenn diese in der Regel dem Menschen verborgen bleibt. Es existieren in schamanischen Kulturen mehrere Realitäten. Schamanismus beschreibt ein Weltbild, dem gemäß ALLES beseelt ist. Dieses Seelenverständnis ist nicht zu verwechseln mit dem der christlichen Kirche. Es ist als ein Lebensprinzip zu verstehen, das von endloser Lebenskraft ausgeht. Alles und Jedes in der Natur verfügt über eine oder mehrere Seelen, also über Lebenskraft; für jedes Organ im Menschen gilt folglich das gleiche Prinzip.

Nativen Gesellschaften gemein ist die Annahme, dass es nicht nur eine Welt gibt, nämlich die vom Menschen gemeinhin als „reale Welt“ betrachtete alltägliche Welt, sondern auch nichtalltägliche Wirklichkeiten, in die der Schamane oder die Schamanin eines Stammes reisen kann. Uns modernen Menschen noch mit der Vorstellung von Himmel (oben) und Hölle (unten) ansatzweise bekannt, gibt es für die Menschen schamanischer Kulturen mehrere Welten (in einigen Kulturen bis zu 16), mindestens aber drei: die Welt der Menschen in der Mittleren Welt sowie eine Unterwelt und eine Oberwelt, beide Welten mit ihren ganz eigenen Landschaften und Oberflächen. Zu und innerhalb aller dieser Welten kann der Schamane reisen. Die alltägliche Welt – die Mittlere Welt - beschreibt dabei nicht nur „unsere“ Erde, sondern auch Sonne, Mond und Sterne, die Galaxien genauso wie Mikroorganismen und Elektronen.

Kernschamanismus
Schamanismus ist in den Kulturen der Sammler, Jäger und Fischer zu Hause. Nichts von dem, was ihnen die Erde (oft gleich Mutter Natur) bietet, ist ihnen selbstverständlich. Die Menschen dieser Kulturen empfinden sich als ein Teil eines größeren Ganzen und sind sich ihrer Abhängigkeit von den Kräften der Natur durchaus bewusst. Alles, was sie tun, hat deshalb etwas damit zu tun, diese Kräfte in einem ausgewogenen Verhältnis zu halten. Heute handeln wir Menschen so, als wüssten wir einerseits sehr wohl von unserer Abhängigkeit von der Natur. Andererseits ignorieren wir sie einfach. Um es plump auszudrücken: Unser Fleisch kommt aus dem Supermarkt, nicht mehr von den Kühen auf dem Feld – auf dem diese im übrigen selten genug stehen. Da hilft es nicht viel, dass wir auch im christlichen Leben noch das Erntedankfest kennen. Es ist dies ein letztes Überbleibsel alter Traditionen und des Bewusstseins dafür, dass der Mensch ein Teil der Natur ist. Und dennoch hat sich in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis verdichtet, dass Schamanismus zwar nur in schamanischen Kulturen erfahrbar, schamanisches Arbeiten in seinem Kern jedoch auch in unserer modernen Welt einsetzbar ist, direkt und unmittelbar. Es lässt sich im Zusammenwirken mit modernen psychotherapeutischen Ansätzen vergleichen und einsetzen. Die international renommierte Foundation for Shamanic Studies hat die grundlegenden Praktiken, die jeder schamanischen Kultur eigen sind, herausgefiltert. Dazu gehören:

• Bewusstseinsveränderungen, um eine schamanische Bewusstseinsebene zu erreichen“ (Dieser Satz wurde maßgeblich von
Michael Harner geprägt) ….
• Bewusstes kontrolliertes Reisen in eine nicht-alltägliche Wirklichkeit.
• Entwicklung von Beziehungen zu geistigen Helfern.
• die Heilpraktiken der Extraktion –
• das Inszenieren eines Umfeldes, in dem schamanisches Arbeiten möglich ist; dies wird in der Regel durch Tänze, Gesänge,
Rituale und Kostüme bewirkt.
• Die Wertschätzung und Werthaltung bestimmter religiöser und/oder magischer Objekte und Plätze in der Natur.

Krankheit gem. WHO versus schamanische Sichtweisen
Die Weltgesundheitsorganisation – WHO – hat Gesundheit wie folgt definiert:

„Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“

Aus dieser Definition könnte man im Umkehrschluss folgern, dass jeder Mensch, der sich nicht im Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens befindet, nicht nur nicht gesund, sondern auch krank ist, WENN der Begriff Krankheit solches in seiner Definition mittragen würde! Alle Definitionen von Krankheit beziehen sich jedoch stets nur auf körperliche und geistige Aspekte - quasi als Ergebnis verschiedener Einflüsse, so eben auch sozialer Aspekte.

Die moderne Medizin definiert und polarisiert, wenn es darum geht, Krankheit und Gesundheit zu beschreiben. Sie katalogisiert und standardisiert Verfahren zur Abwehr von Krankheit (-> schlecht) und Förderung oder Wiederherstellung von Gesundheit (-> gut). Moderne Medizin trennt mehrheitlich Körperliches fein vom Geistigen, Spiritualität gehört gar nicht erst in dieses breite Feld. Das große Bindeglied zwischen Soma und Psyche in der heutigen westlichen Medizin ist der weite Bereich psychosomatischer Erkrankungen. Hier werden körperliche Erkrankungen beschrieben, deren Auslöser im Geistigen, in der Psyche, vermutet werden, und deren Heilung auch zuvörderst über die psychische Heilung möglich ist.

Für einen Schamanen in einer schamanischen Gesellschaft hingegen sind bei der Behandlung von Patienten ganz andere Kriterien wichtig. Ein Schamane ist Mittler zwischen den Welten. Er vermittelt und er verbindet und zwar sehr real in einer für ihn und seine Gesellschaft real existierenden nichtalltäglichen Wirklichkeit (diesen Begriff prägte Michael Harner) aber auch innerhalb anderer Welten. Dabei ist im Schamanismus alles eine Frage der Kraft. Kraft ist ein zentraler Begriff im Schamanismus: Krafttier, Kraftort, Seelenkraft. Seele ist Kraft, Beseeltsein heißt: kräftig sein. Und wenn Kraft verloren geht oder wenn zuviel von ihr da ist, muss für Ausgleich gesorgt werden. Es gibt mithin nichts Böses im schamanischen Weltbild, keinen bösen Krebs, keine böse Psychose - nur Energien, nur Kräfte, die da, wo sie gerade sind, nicht hingehören. Kraft kann auch abhandenkommen; dann fehlen Seelenteile, die zurückgeholt werden müssen. Die traditionell chinesische Medizin folgt mit ihrer Lehre der Fünf Elemente noch einem ähnlichen uralten Prinzip. Zentrale Begriffe darin sind das Chi (QI), die Lebensenergie, und die Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Den Elementen sind bestimmte stärkende und schwächende Eigenschaften zugeschrieben. Ziel einer Behandlung ist es, herauszufinden, welche Energie zu stark oder zu schwach ist, auch im Verhältnis zu anderen Energieformen der Elemente, um dann für einen Ausgleich zu sorgen.

Die geistigen Helfer
Als Irminsul - auch als Irmensäule oder Irmensul bekannt - bezeichneten die Altsachsen ein ganz besonderes Kultobjekt. Es handelt sich um den Weltenbaum, der das All trägt, vergleichbar mit der ebenfalls germanischen Weltesche Yggdrasil aus der Edda. Die Baumverehrung als religiöser und spiritueller Schwerpunkt naturreligiöser Religionen ist weltweit zu bestimmten Zeiten nachweisbar. Wir wissen nicht, ob es auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik jemals Schamanismus in seiner vollen Ausprägung gegeben hat, schamanische Praktiken aber gewiss. Der Weltenbaum wird in schamanischen Traditionen durchaus auch als Leiter dargestellt, auf der man in die verschiedenen mittleren und oberen Welten reisen kann. Der Schamane reist in der Mittleren Welt, also der Erfahrungswelt der Menschen, also in unserem physikalischen Zeitgefüge. Bei Reisen in die unteren und oberen Welten jedoch verlässt er das uns bekannte Raum-Zeitkontinuum. Der Schamane wird auf einer solchen Reise quasi in einen zeitlosen Raum geführt, eine zeitlose Dimension, in der er ebenso zeitloses Wissen erhält….auch über die wahre Natur der Dinge.

Und nach „oben“, in die oberen Welten reist der Schamane, wenn er seine geistigen Helfer oder anders ausgedrückt: seinen Lehrer, seine Lehrerin treffen will. Warum in dieser zeitlosen anderen Dimension? Nach schamanischem Verständnis sind die Wesen und Wesenheiten in dieser anderen Dimension soweit distanziert, dass sie uns Menschen ebenso distanziert aber auch mitfühlend begegnen können. Der Abstand vermag wieder Nähe zu erlauben.


Das Krafttier
Krafttier ist ein Begriff aus neuerer Zeit, mit dem tierische Geistwesen beschrieben werden. Sie sind nicht zu verwechseln mit Hilfsgeistern oder geistigen Helfern. Wir wissen heute, dass Menschen, die zusammen mit Tieren leben, ein besseres Sozialverständnis haben, weniger anfällig sind für psychische Erkrankungen und häufig über ein stärkeres Immunsystem verfügen als andere Menschen. Tiere können aber auch Schutz vor Gefahren bieten.

In vielen Kulturen leiten sich Menschen von bestimmten Tiergeschlechtern ab oder fühlen sich ihnen zugehörig – z.B. die als solche bezeichneten Irokesen Nordamerikas oder aber auch die Aborigines Australiens. Das ist schon bedeutsam. Heute belegen wir wissenschaftlich unsere menschliche Entwicklung aus ersten Zellen, über die Tiere zum Menschen. Es gab Menschen, die wussten das schon immer, zumindest aber um ihre – unter Umständen stammesevolutionsbedingte – Herkunft oder Verbundenheit mit ganz bestimmten Tieren. Sie übernahmen oder ehrten somit auch die diesen Tieren zuerkannten Eigenschaften.

Krafttiere findet der Schamane – und jeder schamanisch Reisende – in der Regel in der unteren Welt. Diese erreicht man gem. Harner am besten über ein Loch in der Erde. Einmal da, geht man zügig durch den sich auftuenden Gang nach unten, bis ein Ausgang erreicht wird, der den Reisenden in die untere Welt, die in der Regel licht und hell ist, entlässt.

Archetypen
„Neulinge des schamanischen Reisens leiden häufig an Zweifel und Unsicherheit. Sie halten die Erfahrungen auf ihrer Reise für selbstgemachte Einbildungen. …. Das Thema Einbildung oder gedankliches Machen wird in der Abwertung innerer Erlebnisse als Phantasie bereits allzu deutlich. … die schamanische Landkarte, ihre Einteilung in Welten, mitunter auch viele Etagen in einer der Welten, kann als Ausdruck der Vielschichtigkeit, Weite und Tiefe der schamanischen Erfahrung gedeutet werden.“
(aus Schamanismus und Psychotherapie, Winfrid Picard, Param-Verlag, S. 72/73)

Viele Menschen kennen noch aus ihrer Kindheit den Spruch: „Du und deine Phantasie!“, meist von einem Seufzen begleitet. Oder: „Hör doch auf zu Träumen….“. Oder: „Hör auf, dir Sachen einzubilden.“ Kinder sind imaginativ. Sie differenzieren auch noch nicht zwischen „den Welten“. Ich kann mich aus eigener Kleinkinderzeit genau erinnern, dass ich mit meinem Dreirad unterwegs war, und hinter einem Haus, da tanzten sie: lauter kleine Teufelchen, immer im Kreis herum. Im Laufe der Zeit hat sich die Erinnerung an dieses Erlebnis verflacht, aber immer noch weiß ich: Sie waren da.

„Für den Gläubigen der Neurobiologie mag hilfreich sein, dass im Erwartungsraum schamanischen Erlebens die Aktivierung solcher Verschaltungen eine besondere Rolle spielen, die mit Phantasie, mit Imaginationen, mit verborgenen psychischen Welten verbunden sind. Diese Erfahrungsmuster werden, wie schon angedeutet, insbesondere in der Kindheit angelegt. Sie werden bei manchen Menschen, je nach Bedingungen des Lebens und der Begabung, weiter rührig sein. Bei den meisten Menschen aber treten die entsprechenden Hirnschaltungen erst wieder hervor, wenn sie Kinder haben oder von Kindern dahin geführt werden. In vernünftiger und logischer Kontrolle der Realität erstarrte Menschen sind, ganzheitlich gesehen, schlecht beraten. Sie tun Träume, intuitive Einfälle, ahnungsvolle Zeichen und Synchronizitäten, unerklärliche Geschehnisse oder Erlebnisse ab und treten als Verfechter logischer Ableitungen und ansonsten des Zufallsprinzips auf.“
(aus „Schamanismus und Psychotherapie“, Winfrid Picard, Param-Verlag, S. 46)

Der geistige Erfahrungsraum ist eigentlich unendlich; dennoch ist er geprägt von persönlichen Wahrnehmungen und Erlebnissen, von Umwelt, Biologie und Genen. Geisthelfer, Ahnen, Seelen, Geister andere Erscheinungsform sind in einer archaischen naturnahen Kultur bekannt. In unserer heutigen Welt sind es das Unbewusste, das Verdrängte, Ich, Es und Über-Ich, Krankheit versus Gesundheit, - nicht jedoch Kraft gegenüber Kraftlosigkeit, Seelenstärke gegenüber Seelenschwäche. Heute wird das Schädigende weggenommen, das Kranke repariert, wobei „Krank = Schlecht“ ist. In unserer heutigen Welt sind wir Einzelwesen, einzeln glücklich oder unglücklich, krank oder gesund, was immer das bedeuten mag. Unsere Krankheiten sind psychischer Natur oder somatischer. Und wenn man nicht genau weiß, dann ist es eben psychosomatisch. Wer eine solche Diagnose erhält, lebt immer ein wenig auch mit dem Brandzeichen: „Selbst schuld. Ändere was!“ In schamanischen Kulturen hingegen sind Psyche, Geist und Spiritualität nicht voneinander zu trennen, auch nicht vom Körper.
Nun gibt es ebenfalls Menschen, die sagen, dass es heute keines schamanischen Arbeitens bedürfe. Zum einen seien wir zu weit weg vom Erlebnisumfeld archaischer indigener Kulturen. Zum anderen hätte sich im Zuge der menschlichen Entwicklung eben die Erkenntnis unserer Tage aus dem Alten heraus entwickelt, quasi linear, so auch die moderne Psychotherapie und Medizin. Auch C. G. Jung, der als Begründer der analytischen Psychologie gilt, sprach noch von „Primitiven“ und deren Vorstellungen von Leben und Spiritualität. Jung beschrieb die im sogenannten kollektiven Unbewussten angesiedelten Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster. Es seien dies psychische Strukturdominanten, die unbewusst wirken und somit das Bewusstsein beeinflussen. Hier kommen dann auch die sogenannten Urerfahrungen ins Spiel, wie z. B. Geburt, Kindheit, Fight & Flight –Entscheidungen. Die moderne Genetik wiederum diskutiert sogenannte genetische Abdrücke (Imprints), mit denen sich Erinnerungen an ganz bestimmte – oft auch traumatische – Ereignisse sozusagen vererben – weswegen sie auf „normalem“ psychotherapeutischem Weg überhaupt nicht erreichbar seien. Das ginge nur in einer Gesellschaft, in der mittels anderer Wirklichkeiten und Welten und der Vorstellung von Ahnen in einer „realen Anderswelt“ ein anderer Zugang zu Erinnerungen möglich ist. Moderne Verfahren wie das Familienstellen oder imaginative Verfahren bewegen sich allerdings auch heute in diese therapeutische Richtung.

Freud hingegen sah den Menschen als grundlegend triebgesteuert an, aus dem Unbewussten heraus (das es aufzulösen galt) handelnd. Er modifizierte gleichermaßen die Struktur des „psychischen Apparates“. In diesem (im Gegensatz zum Schamanismus stehenden) mechanistischem Weltbild gibt es das Es, unser Unbewusstes, Triebhaftes, das Ich als Vermittlungsinstanz zwischen Es und Außenwelt sowie das Über-Ich mit seinen auferlegten Normen und Verhaltensmustern.

Jung und Freud zerstritten sich endgültig um 1913, da Jung Freuds Libido-Theorie kritisierte. Aber während Freuds Theorien die Tiefenpsychologie bis heute nachhaltig geprägt hat, fanden Jungs Theorien und Erkenntnisse mehr Kritiker als Befürworter. Sie hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Psychotherapie. Mit seiner Symbolik und seiner Vorstellung von Archetypen, die sich als universell vorhandene Urbilder in den Menschen darstellen, rief er Unverständnis und Misstrauen hervor. Er bezeichnete Archetypen als Energiekomplexe, die in Träumen aber auch in Neurosen und Wahnvorstellungen ihre Wirkung entfalten. Er sah sich als Psychotherapeut in der Rolle eines Begleiters seines Patienten – nicht aber als „Experte“. Und hier kommen wir zu einem bedetusamen Unterscheidungsmerkmal zwischen moderner Psychotherapie und heilendem schamanischen Arbeiten.

„Im traditionellen Schamanismus ist der therapeutische Behandler der aktive Teil, er ist derjenige, der für die Kräfte der Heilung zu sorgen hat. Diese Rolle wird in der modernen Psychotherapie unterdrückt, obwohl sie unterschwellig stattfindet. Es würde als Problem der Gegenübertragung angesehen, wenn der Therapeut selbst Helfergestalten erlebt, deren Eingreifen er wünschen könnte. Es könnten Helfer sein, die er an der Seite der Patienten wahrnimmt, oder die er anruft, dem Patienten zur Seite zu stehen.“
(aus „Schamanismus und Psychotherapie“, Winfrid Picard, Param-Verlag, S. 117)

In der modernen Psychotherapie verbleibt der Therapeut zum einen im Zustand der Abstinenz gegenüber seinem Patienten, gleichwohl ist er der Experte, in den seitens des Patienten sehr viel Helfererwartung projiziert wird. Dadurch verlässt sich der Patient nicht wirklich auf seine eigenen Kräfte, OBWOHL er ja auf therapeutischem Wege zumindest im Rahmen der Tiefenpsychologie alleine „dem Täter auf der Spur ist“. Im Schamanismus hingegen begibt sich der Schamane FÜR seinen Patienten auf eine Trancereise in die nichtalltägliche Wirklichkeit, um dort und meist mittels seiner persönlichen Helfer und Krafttiere, Hilfe für den Patienten zu holen oder verlorengegangene Seelenanteile zurückzubringen.
Psychotherapie wiederum, ob in der Einzelbehandlung oder in der therapeutischen Gruppe, hat unterschiedliche Schwerpunkte. Es gibt den analytischen Schwerpunkt, mit dem Ziel, die eigene „Persönlichkeitsstruktur“ durch freies Assoziieren zu erkennen und diese mit Hilfe der Deutungen des Psychotherapeuten bewusst zu verändern. Ist ein verhaltenstherapeutischer Schwerpunkt gesetzt, kann der Patient im geschützten Raum inmitten eines sozialen Um- und Erfahrungsfeldes sein Verhalten ändern oder anpassen.

Schamane und Psychotherapeut; Medizinmann und Mediziner
Psychotherapie gilt der gezielten Behandlung einer psychischen Krankheit. Die Behandlung soll die Behebung eines bestimmten Problems anstreben und somit zeitlich begrenzt sein. Coping–Strategien (also Verhaltensanpassungen) stehen dabei immer noch im Vordergrund. Reparatur statt Heilung? Was aber ist ein Schamane? Ist er Psychotherapeut, ist er Medizinmann, Mediziner, Kräuterhexe, Priester?

Wenn wir den Schamanen mit heutigen Worten beschreiben wollen, können wir sagen, dass er ein spiritueller Spezialist ist, der ebenfalls eine soziale Funktion hat und - unter Umständen, so er denn zusätzlich darin ausgebildet ist – auch eine Funktion als Medizinmann. Das unterscheidet ihn vom Psychotherapeuten und auch vom Mediziner moderner Prägung. Ob und inwieweit dieser spirituell das „Große Ganze“, das Transzendente, sieht, ist individuell und darf mit beruflichem Ethos und seiner originären Aufgabe innerhalb der „Medizin“ nicht kollidieren.

Wie wird man Psychotherapeut- wie Schamane?
Schamanismus ist KEINE Religion, sondern begründet sich in einer kulturübergreifenden Form des Verständnissens von einer (all!)beseelten Natur. Darauf bauen sich alle religiösen, spirituellen oder heilerischen Wahrnehmungen und Praktiken auf. Ein Schamane kann auch Medizinmann/-frau sein, Zauberer oder „Weise Frau“ sein – muss aber nicht. Im Zentrum seiner Aufgabe steht der Kontakt zur nichtalltäglichen Wirklichkeit. Ein Schamane ist nicht einfach Schamane, weil er sich diesen Beruf aussucht, lernt und studiert und dann nach einer Prüfung eben Schamane ist. Auch Psychotherapeuten fühlen oft, dass eine der Grundvoraussetzungen für ihren Beruf eine gewisse Berufung ist. Viele haben auch selbst traumatische Ereignisse in ihrem Leben zu bewältigen, bevor sie in der Lage sind, psychotherapeutisch zu arbeiten. Eigentherapie und Supervision gehören zu einer guten Ausbildung. Die Basis anerkannt therapeutischen Arbeitens ist jedoch eine nach wissenschaftlichen Kriterien anerkannte Ausbildung. Schamanen hingegen werden vielleicht bereits vom Stamm als Kinder für diese Aufgabe bestimmt (kulturabhängig), vielleicht werden sie durch ein äußeres oder inneres Ereignis ausgesucht – immer haben sie auch ein Berufungserlebnis. Dieses kann sich in Form einer schweren Krankheit oder einer Vision einstellen. Sie absolvieren eine Lehrzeit bei erfahrenen Schamanen, gefolgt von einem Initiationserlebnis. Der Begriff „Zerstückelungserlebnis“ taucht dabei immer wieder auf. Hier wird eine Aktion beschrieben, während der ein künftiger Schamane während einer Trancereise von Wesen – meist Tieren – komplett zerstückelt, auseinandergerissen, in seine Einzelteil zerlegt wird, um am Ende wieder zusammengesetzt zu werden. Wenn wir dieses schamanische Initiationsritual in moderne psychotherapeutische Sprache übersetzen, können wir verstehen, dass manche Menschen im Laufe ihres Lebens in ihrem Selbst – immer mal wieder – auseinandergenommen werden und somit zumindest teilweise desintegriert sind, also Teile des Selbst vom erlebenden Ich nicht mehr als zusammengehörig erlebt werden. Viele Menschen sagen, halb im Scherz, halb ernst gemeint: „Zu einem Psychotherapeuten? Auf die Couch? Die haben doch selbst den größten Knall…“ Vielleicht sind ja die Verbindungen zwischen Psychotherapeut und Schamanen über die Jahrtausende enger geblieben, als mancher der Heutigen glaubt?? Die sogenannte schamanische Krankheit, die als berufendes Ereignis für Schamanen gilt, passt in dieses Denkprinzip, nach dem alle Menschen, die sich von Berufs wegen in irgendeiner Form mit der menschlichen Psyche auseinandersetzen, die dahinter liegenden Wirkmechanismen am „eigenen Leib gespürt“ haben oder sich mit ihnen auseinandergesetzt haben müssen – sei es nun in einer archaischen Visionssuche, sei es mittels moderner Supervision.

Anwendungsmöglichkeiten schamanischer Praktiken in der modernen Heilpraxis
In Trance befinden wir Menschen uns öfter als wir glauben. Schon, wenn wir ein ständig wiederholtes Geräusch nicht mehr wahrnehmen, obwohl es noch da ist, befinden wir uns wohl in eine Art Trancezustand. Wenn wir in der Bahn sitzen und „einfach“ so den Menschen hinterherschauen, befinden wir uns schon nicht mehr in einem absoluten Wachzustand, im Hier und Jetzt. Gleiches gilt für Situationen, in denen wir uns z.B. der Musik „hingeben“ und tanzen, tanzen, tanzen… Wenn wir Tagträumen oder „unter Drogen“ sind, unter Hypnose oder durch überproportional erhöhte Konzentration auf eine Sache (z.B. im Sport) fokussiert sind, geraten wir in Trance. Schmerz, Hyperventilation und traumatische Ereignisse versetzen uns ebenfalls schnell in eine Art Trancezustand.

Das ist eben ein besonderes Merkmal des Schamanismus, dass der Schamane bewusst und in einem Zustand kontrollierter Trance reist, und zwar nicht „irgendwohin“, sondern einem Plan, einer Art Landkarte folgt, die – in unseren Sprachgebrauch übersetzt – durchaus als eine Widerspiegelung mentaler Zustände betrachtet werden kann. Das unterscheidet den Schamanen und damit das schamanische Arbeiten sehr deutlich von anderen Verfahren, seien sie spirituell-esoterischer, seien sie psychotherapeutischer Natur.

Psyche , Seele und Geist
Der Begriff "Geist" ist mehrdeutig und unterschiedlich interpretiert. Zum einen beschreibt er ganz pauschal die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Zum anderen stellen sich viele Menschen unter einem Geist (auch dem Heiligen) ein körperloses Wesen vor, welches dennoch häufig menschenähnliche oder wesensähnliche Züge hat.

Seele? Im heutigen Sprachgebrauch wird Seele oft gleich Psyche angenommen; sie beschreibt somit ALLE Gefühlsregungen und geistigen (-> kognitiven) Fähigkeiten. ABER: Es gibt auch noch den spirituellen Bereich, und in diesem wird unter Seele eher etwas Immaterielles verstanden, etwas "die Zeiten Überdauerndes" (siehe die Annahme von der "Unsterblichen Seele", die zu retten in vielen Religionen wichtiger ist als "Körper und Geist"). In indigenen schamanisch orientierten Kulturen ist der "Spirit" der Geist = die Kraft = die Seele, die Allem in der Natur inhärent ist. Das heißt: Alles ist belebt, alles ist beseelt. Seelen(an-)teile können verloren gehen oder in die Irre, sich am falschen Platz befinden und/oder ihre Kraft verlieren. Und hier einzuwirken, ist eine - unter anderen - Aufgabe eines Schamanen. Denn „weg“ in dem Sinne, von nicht mehr vorhanden, verschwunden sein, können Seelenanteile nicht. Ebenso ist schamanisches Denken nie wirklich verschwunden gewesen. Es hat in Nischen auch in unserer Kultur überlebt und taucht in Variationen, ohne schamanisch genannt werden zu können, immer wieder in Therapieformen auf, in psychotherapeutischen aber auch physiotherapeutischen Konzepten (z.B. Craniosakrale Therapie… dort spricht man von Energiezysten). Katathymes Bilderleben geht in der Psychotherapie einen solchen Weg, auf dem die Imagination als bewusstes therapeutisches Mittel gewählt wird.

Natürlich ist auch ein schamanisch arbeitender Mensch konditioniert und determiniert aber ihm bleibt die Unendlichkeit des geistigen Raumes………….des Universums mit all seinen Lebensformen. Die theoretischen Konzepte moderner Psychotherapie hingegen begrenzen die psychotherapeutische Arbeit häufig, so dass diese eher mechanistisch, reparierend als wieder „Ganz“ machend wirkt. Und hier liegt eine Chance für schamanisches Arbeiten!

Auch im Schamanismus wird mit Symbolen gearbeitet. Sie haben hier aber eine andere Bedeutung als in der Psychotherapie (Beispiele: Wiese, Fluss, Berg, Haus). Sie werden nicht auf unsere moderne Weise gedeutet und interpretiert; sie werden nicht als Sinnbilder mit einem bestimmten Gehalt gesehen. In der Psychologie wird unter einem Symbol oft etwas verstanden, das quasi außerhalb des menschlichen Selbst existiert, und zu ihm in Bezug gesetzt werden muss –mittels Interpretation. Es gilt als Projektionsfläche. Der Schamane kann das Symbol als eigenständigen Träger von Wissen und Informationen sehen, dessen er sich bedienen kann. Der diesem jeweiligen Symbol innewohnende Geist – die Seele des Steines z.B. – wird dann respektiert und ggf. um Hilfe gebeten.

Im Gegensatz zu üblichen psychotherapeutischen Verfahren reist der schamanisch arbeitende Praktiker FÜR seinen Patienten/Klienten. Er sucht Antworten auf Fragen, versucht Seelenanteile im Körper des Patienten zu erkennen, die dort nicht hingehören, um sie dann zu extrahieren, oder er bringt verloren gegangen Seelenanteile zurück. Die Foundation for Shamanic Studies hat jedoch einen Begriff geprägt, der schamanische Beratung der modernen Verfahrensweise annähert, doch innerhalb der schamanischen Denk- und Erlebensweise verbleibt: Shamanic Counselling ist der durch Michael Harner bekannt gewordene Begriff dafür. Hauptziel ist es dabei, den Patienten/Klienten dazu zu befähigen, selbst eine schamanische Reise zu unternehmen, um spiritueller Kraft und neuen Einsichten und somit neuen Handlungsspielräumen zu begegnen. Unterschied zu moderner Psychotherapie: Nichteinmischung des Therapeuten in die persönlichen Interpretationen, nicht einmal mittels der Symbolik moderner imaginativer Verfahren!

Krankheit und Seelenanteile, die „da nicht hingehören“
Nach schamanischem Verständnis entsteht Krankheit dort, wo der Mensch nicht im Gleichklang, in Harmonie mit seiner Kraft ist. Aus welchen Gründen auch immer hat dieser Mensch dann Seelenanteile verloren; sie sind ihm wie auch immer abhandengekommen, oder aber er hat Seelenanteile aufgenommen, die „da, wo sie jetzt sind“, nicht hingehören.

Beide im wahrsten Sinne des Wortes „kräftezehrenden“ Zustände sind Behandlungsfelder für einen schamanisch arbeitenden Praktiker. Es handelt sich zum einen um die „Extraktion“, zum anderen um die „Seelenrückholung.

Um bei der Extraktion zu bleiben: Im Gegensatz zu moderner Medizin ist dabei das krankmachende „Agens“ nicht böse, im Sinne von schlecht; es gehört da, wo es ist, nur nicht hin….vielleicht ja woanders hin in der großen weiten Natur, aber nicht „hierhin“. Der Schamane versucht nun Antworten zu finden, die ihn befähigen, diese fehlgeleiteten Seelenanteile dem betroffenen Menschen zu entnehmen (und ggf. verlorene Seelenanteile zurückzuholen). Zusätzlich dazu werden unter Umständen noch weitere heilkundliche Verfahren hinzukommen. Die wesentliche Aufgabe des Schamanen besteht jedoch, hinter das OFFEN-sichtliche zu schauen!

Die Seelenrückholung ist ebenfalls ein sehr komplexes Gebiet und ein Kernstück schamanischen Heilens. Denn entsprechend schamanischer Denkweise ist die Seele der Ort unserer wahren Kraft! Noch im Begriff Seelenheil sehen wir, dass sich die Vorstellung davon über die Jahrtausende erhalten hat, wenngleich er in unserer Welt ein vom täglichen Leben oft abgetrenntes religiöses Dasein lebt. Dem Schamanismus ist eine dualistische Sichtweise vom Leben des Menschen und seiner Seelen inhärent. Es gibt kulturbedingte Unterschiede, aber grundsätzlich hat nach schamanischer Vorstellung ein Mensch zwei Seelen: die Funktionsseele oder auch die Lebensseele, die dem Erhalt des Körpers dient. Hier hat auch wiederum jedes Teil des menschlichen Körpers wiederum eine Seele. Die andere große Seele ist die freie Seele, die Seele, die nicht an den Körper gebunden ist. Beide Seelenprinzipien gehören zusammen. Und ist dieses Gleichgewicht gestört oder gehen Seelenanteile verloren, erleidet der betroffene Mensch Verlust, der mit Funktionseinschränkungen, Vitalitätsverlust und eventuell Tod einhergehen kann.

Wie kommt es zu Seelenverlusten? Ursachen können sein:
- Verletzungen, Traumen
- Träume können die Seele zur Flucht verleitet haben
- Tote können die Seele mitgenommen haben („an diesem Tag ist ein Stück von mir gestorben.“)
- Die Seele eines schon kranken Menschen kann sich aus vielen Gründen „verirren“.

Auch der Aspekt der Seelenrückholung hat in der modernen Heilpraxis bislang keinen Platz gefunden, wenngleich holistische Gedankenansätze, denen gemäß der Mensch ein Teil des Universums ist, und andere so genannte ganzheitliche Ansätze dieses eigentlich empfehlen. Dabei ginge es nicht einmal um den Ersatz moderner Heilweisen durch schamanisches Arbeiten. Aber so wie der Schamane in andere Wirklichkeiten reist, um aus der größeren Distanz und in spiritueller Verbindung mit anderen Wirkmechanismen hinter das Vordergründige, das Offensichtliche, zu schauen, so könnte ebendieser umfassendere und weitergespannte Blickwinkel neue Einsichten auch in der modernen Medizin und Psychotherapie bescheren
Zitat Ende
 
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