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Regividerm und Neurodermitis - mein Selbstversuch

Sue Riahi

Themenstarter
Bekanntes Mitglied
Heilpraktiker
Standort
Mülheim (Ruhr)
Status
HP
Am 19.10.2009 um 21.00 Uhr zeigte die ARD in der Sendung „die story“ den Bericht „Heilung unerwünscht“.

Darin wurde Regividerm vorgestellt, eine neuartige Creme, die von der Pharmaindustrie nie eine Chance erhielt. Millionen von Hautkranken könne geholfen werden, wenn sie diese Creme anwenden würden. So die Kernaussagen in dieser Sendung.

Ich heiße Sue Riahi, bin 43 Jahre alt, Heilpraktikerin – und seit frühester Kindheit Neurodermitispatientin. Im Laufe meines Lebens habe ich die unterschiedlichsten Erfahrungen mit dieser Erkrankung gemacht, immer wieder neue Therapieformen, Medikamente, Cremes und Diäten ausprobiert, Krankenhausaufenthalte hinter mich gebracht.

Die Heilpraktikerin in mir ist zwischenzeitlich in der Lage, zu differenzieren, zu hinterfragen und kritisch zu durchleuchten.

Die Neurodermitispatientin in mir unterscheidet sich jedoch in keiner Weise von ihren ca. 6 Millionen Leidensgenossen in Deutschland – immer auf der Suche nach einer Therapieform, die endlich Linderung oder gar Heilung für diese die Lebensqualität extrem beeinträchtigende, teils entstellende, teils sogar Anstoß erregende Hautkrankheit bringt. Kein Juckreiz mehr, keine blutig gekratzten, entzündeten, nässenden Hautstellen…

Ich berichte Ihnen heute von meinen Erfahrungen mit Regividerm – als Patientin auf der einen und als Heilpraktikerin auf der anderen Seite.

Am 3.11.2009 habe ich mir diese Creme noch vor Erscheinen des fertigen Präparats in der Apotheke anmischen lassen.

Die Ausgangssituation

Leichte bis mittelschwere, in Schüben auftretende Hauterscheinungen im Gesicht, Hals, Nacken, an Händen und Unterarmen bis zu den Beugestellen und an den Innenseiten der Unterschenkel.

Juckreizattacken regelmässig bei Erwachen 2 Stunden nach dem Einschlafen, morgens ca. 30 Minuten nach dem Aufstehen, bei größeren Temperaturschwankungen (z.B. im Winter von draußen nach drinnen), nach Anstrengungen/Schwitzen sowie nach (psychischem) Streß. Ebenso verstärkter Juckreiz bei nicht ausreichender Trinkmenge (Minimum 2 Liter Wasser/Tee).

Zeitversetzte Reaktion auf allergieauslösende Nahrungsmittel in einem Zeitraum von bis zu 3 Tagen.

Beschwerdefreiheit bei Aufenthalt am Meer in Verbindung mit Sonne.


Die Creme

Die von meinem Apotheker angemischte Creme beinhaltet folgende, im Internet frei veröffentlichte Rezeptur:

0,07 Gramm Vitamin B12
46 Gramm Avocadoöl
45,42 Gramm Wasser
8 Gramm TEGO® Care PS (Emulgator)
0,26 Gramm Kaliumsorbat (hemmt Wachstum von Bakterien, Hefen und Pilzen)
0,25 Gramm Zitronensäure (zur Konservierung, nicht unumstritten!!).


Die Creme ist von mousseartiger Konsistenz, Farbe rosa/pink, der Geruch ist nicht unangenehm. Sie lässt sich leicht auftragen und verteilen, färbt nicht ab und zieht rasch ein. Sie hinterlässt zunächst ein angenehmes Hautgefühl.


Der Test


Das erste Auftragen fand abends nach der Rückkehr nach Hause statt. Meist beim Übergang von „Action“ zu Ruhe kommt es zu einer Juckreizattacke im Gesicht. Nach vorsichtigem Reinigen des Gesichts wurde die Creme aufgetragen in der Hoffnung, diese Juckreizperiode nicht zum Ausbruch kommen zu lassen.

Die Haut fühlte sich nach dem Auftragen geschmeidig und weich an – der Juckreiz kam trotzdem ungemildert und ließ sich auch durch erneutes Eincremen nicht unterbrechen.

Das angenehme Hautgefühl hielt keine 12 Stunden an; am Morgen danach hatte ich den Eindruck, als wäre die Haut verstärkt trocken, schuppig und empfindlich.

Zweimal täglich trug ich die Creme nun auf die Gesichtshaut auf, wobei das angenehme Hautgefühl beim Eincremen blieb, sich jedoch nicht auf Dauer hielt. Der übliche Juckreiz stellte sich auch weiterhin ein.

Nun behandelte ich auch die zu diesem Zeitpunkt betroffenen Ellenbogenbeugen mit, die durch das Kratzen sehr gereizt waren. Da die Creme dort brannte und ein unangenehmes Prickeln verursachte, brach ich den Versuch an diesen Stellen ab.

Nächstes Testareal war das „frisch aufgekratzte“ Handgelenk, welches ich zweimal täglich dünn mit der Creme behandelte. Ein schnelleres Abheilen der Hauteffloreszenzen konnte ich nicht bemerken, wohl aber ein vorübergehendes, ziemlich unangenehmes Brennen und Prickeln.

Die nächtlichen Juckreizattacken waren durch die Creme ebenfalls weder zu unterbrechen noch zu verhindern.

Von diesen Ergebnissen enttäuscht, versuchte ich nun, zum damaligen Zeitpunkt abgeheilte Hautareale in diesem Zustand zu halten. Ich trug die Creme zweimal täglich über einen Zeitraum von einer Woche auf. Das zunächst angenehme Hautgefühl war nicht von langer Dauer, und ich hatte bald wieder das Gefühl, nachcremen zu müssen. Es war keine Überraschung für mich, bald feststellen zu müssen, dass auch diese Hautstellen nicht dauerhaft vom Juckreiz und dem „folgerichtigen“ Kratzen freiblieben.


Mein Fazit als Patientin

Ich bin total enttäuscht! Diese Creme ist für mich weder besser noch wesentlich schlechter als das, was ich bisher getestet habe und rechtfertigt für mich auf keinen Fall den Slogan „Heilung unerwünscht“. Die vom Apotheker angemischte Creme musste im Kühlschrank aufbewahrt werden, damit sich kein Öl absetzte.

Meine Hoffnung, erneute Schübe respektive Juckreizattacken unterbrechen oder unterbinden zu können, wurde in keinster Weise erfüllt.


Mein Fazit als Heilpraktikerin

Alleine mit einer Creme die Neurodermitis heilen zu wollen, ist ein völlig unrealistisches Ziel. Die Hoffnungen eines Neurodermitiskranken auf eine Creme zu lenken, ist meiner Meinung nach grob fahrlässig!

Bei Neurodermitis ist es grundsätzlich erforderlich, an mehreren Fronten – nämlich dem Darm, der Psyche, der Ernährung UND der Haut – zu arbeiten.
Ohne eine vernünftige, NICHT über die Haut durchgeführte Entgiftung/Ausleitung, einer Darmsanierung mit anschließendem –aufbau, dem Erlernen einer für den Patienten stimmigen Entspannungstherapie, einer auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmten Ernährung unter Vermeidung von Zucker und Schweinefleisch, einer adäquaten Trinkmenge und einer sorgfältigen, achtsamen Hautpflege und weiterer, individueller Maßnahmen (z.B. Zahnsanierung) ist es nicht möglich, eine Neurodermitis dauerhaft in den Griff zu bekommen. Dies sollte in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Therapeuten erfolgen, der den Patienten begleitet – und nicht allein mit einem Buch und einer Creme. Ein Buch gibt keine Zuwendung, keine Rückmeldung, keine Motivation, keine Ermutigung, keine Anleitung bei Rückschlägen – und das ist für Neurodermitiskranke unerlässlicher Bestandteil der Therapie.

Bei jedem Patienten sind andere Auslöser, andere Trigger juckreiz- und schubauslösend. Es gibt kein Schema, welches bei jedem Neurodermitiskranken die ersehnte Besserung herbeiführt!
Wenn dann nun eine Creme auf den Markt kommt, die für Neurodermitis UND Psoriasis die Erlösung bedeuten soll, geht das für mich schon in Richtung Bauernfängerei und spielt mit dem Leidensdruck der Patienten. Beide Erkrankungen sind völlig unterschiedlich, haben andere Auslöser und Trigger, gänzlich verschiedene Hauteffloreszenzen. Sie haben nur eines gemeinsam: Sie sind quälend und schränken die Lebensqualität ein.

Um die Hauterscheinungen dauerhaft zum Verschwinden zu bringen, müsste die Creme cortisonähnliche Eigenschaften aufweisen. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Cortison gehört für mich in die Notfallmedizin, nicht auf die Haut!

Trotzdem greifen viele Neurodermitiskranke – u.a. weil es die Schulmedizin im Schub für unverzichtbar hält – auf Cortison zurück. Die zerkratzten Stellen heilen schnell – sie werden UNTERDRÜCKT. Die Nebenwirkungen – gerade auch bei oral verabreichtem Cortison – sind auf Dauer fatal. Bei Regividerm kann ich nicht einen Wirkstoff erkennen, auch nicht in Kombination mit den anderen Wirkstoffen, der auch nur annähernd cortisonähnlich wirkt. Auf der anderen Seite wird von Patienten berichtet, die nach Absetzen der Creme ein umso heftigeres Aufflackern der Neurodermitis erleben durften. Was und wie genau unterdrückt Regividerm?

Sicherlich ist eine sorgfältige, ununterbrochene Hautpflege eine der Säulen, auf der die Neurodermitistherapie ruht. Dies erreicht man aber auch mit Cremes, die weniger Inhaltsstoffe haben, auf Emulgatoren und Citronensäure verzichten! Je mehr Inhaltsstoffe vorhanden sind, desto eher neigt die Haut dazu, „um sich zu schlagen“ und irritiert zu reagieren. Dem Avocadoöl werden hautpflegende Eigenschaften zugerechnet, was sicherlich nicht falsch ist. Ob jedoch ein Öl das richtige für die von Neurodermitis betroffenen Stellen ist, wage ich zu bezweifeln. Ich bin der Meinung, dass gerade Öl, auf gereizte, entzündete Hautstellen aufgetragen, ein Eldorado für die dort ohnehin schon massiv erhöhte Staphylokokkenanzahl ist und die Entzündung erst richtig entflammen lassen kann. Der Zusatz von Kaliumsorbat in der Creme soll dies wohl verhindern.

Das gute Hautgefühl kurz nach dem Auftragen wird durch das anschließende Austrocknen nicht dauerhaft aufrecht erhalten. Eine ausgetrocknete Neurodermitishaut juckt schneller und öffnen durch die durch das Kratzen entstehenden Wunden den Staphylokokken Tür und Tor. Da in der Regel nicht auf der frisch gecremten Haut gekratzt wird, sondern erst, wenn die Haut wieder ausgetrocknet ist, ist es nur logisch, dass hier auch das in der Creme befindliche Kaliumsorbat nicht mehr bakterientötend wirken kann.
Erschwerend kommt hinzu, dass Vit. B 12 auf Licht und UV-Bestrahlung empfindlich reagiert. Daher sollten Patienten, die diese Creme anwenden, Sonnenlicht meiden. Vielen Neurodermitiskranken tut dosiertes Sonnenlicht aber gut – obendrein ist Sonnenlicht unabdingbare Voraussetzung für den Vitamin-D-Stoffwechsel.

Unterm Strich gesehen ist der Hype um diese Creme und der Slogan „Heilung unerwünscht“ völlig überzogen und für Patienten und Therapeuten eine bittere Enttäuschung.


HP Sue Riahi



Text: Sue Riahi
 
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