Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Sorgen eines HP
Da immer nur ueber Patienten gesprochen wird und nie ueber uns ( HP ), moechte ich hiermit eine Sorgen -Ecke fuer uns einweihen.
Hier darf alles rein, was uns in Gedanken ( jetzt rein theoretisch ) bewegt.
Z.B
Welche Krankheiten machen mir Angst?
Welche Krankheiten erregen Ekel in mir?
Wie kann ich mit einem unsympatischen Patienten zurecht kommen?
Wann haette ich Lust jemanden rauszuschmeissen?
Soll/moechte ich eine schuetzende Distanz halten?
Welche Gedanken bringen mich zum Weinen?
Wie werde ich mit mir selbst fertig?
Bei wem kann ich meine Sorgen loswerden?
Gila :eek:
rabenstein
11.05.06, 17:05
Dann will ich mal anfangen, nicht ganz einfach, grad für mich, da ich mich nie so richtig mit dem Gedanken zu praktizieren auseinandergesetzt habe.
Meine größte Sorge wäre ganz sicher, etwas falsch zu interpretierenm etwas zu übersehen, dem Patienten zu schaden oder bestenfalls nicht zu nützen.
Vor eine Entscheidung gestellt zu sein, die ich lieber nicht treffen möchte, das stelle ich mir im Bezug auf Patienten auch sehr kritisch vor.
Beim Blutnehmen daneben zu stechen ist wohl eines der kleineren Dinge, aber auch das hat mir in der Praxis schon Kopfzerbrechen gemacht.
Ein ganz anderes, aber sehr ernstes Thema:
Wie grenze ich mich ab? Wie komme ich mit den vielleicht schlimmen, tragischen Schicksalen der Patienten zurecht?
Das wäre es mal für den Anfang
Inge
Also eine grosse Sorge ist natuerlich auch fuer mich, dass ich eine Pathologie nicht erkenne, oder nicht mit den entscheidenden Mitteln richtig geforscht habe.
Vor Notfaellen, habe ich keine Angst ( vor der Situation ) sondern mehr hinterher vor mir. Ich bin jemand, der in den schlimmsten Situationen, wie ein ferngesteuerter Roboter denkt und handelt. ( habe ich schon einige Male unter Beweis stellen muessen ) aber der hinterher, ein absolutes Down hat.
Alle Angst und Unsicherheiten, die normale Menschen entweder waehrend-oder in Gedanken haben, kommen bei mir erst spaeter und dann brauche ich jemanden, der mich auffaengt.
Eigentlich ekelt mich fast nichts. Ich habe kein Problem mit Koerperfluessigkeiten aber dafuer eine sehr feine Nase und Geruchssinn. Deshalb koennte es mal Probleme geben, bei nicht so ganz wohlriechenden Personen oder anderes!
Auch in meiner jetzigen Erfahrung mit Patienten, ist es selten vorgekommen, dass ich einen Patienten vor die Tuer gesetzt habe, denn im Beruf habe ich sehr viel Geduld ( tonnenweise ). Privat bin ich viel impulsiver, aber es gibt Menschen die mich fuchsteufelswild machen, bevor sie den Mund oeffnen und ich glaube das ich das fast nicht vermeiden kann.
Viele Schicksale machen mich sehr traurig und obwohl es nicht professionell aber menschlich ist ( ich bin eigentlich sehr scheu, vor anderen zu weinen ), habe ich auch schon mit oder vor Patienten geweint ( aber auch vor Freude ).
Was die Distanz anbelangt, es kommt natuerlich immer auf den Patienten an aber ich habe mich entschieden, viele Patienten auch an mich rankommen zu lassen und bei vielen habe ich gemerkt, das eine Umarmung oder eine kleine Streicheleinheit, viele Resistenzen brechen kann und das ist positiv.
Natuerlich liegt es in meiner Hand zu entscheiden, wen, wann und warum.
Auch hier, nach bestem Wissen und Gewissen, denn ich kann sehr wohl auch mit der Faust auf den Tisch hauen, wenn es denn therapeutisch ist.
Tragische Schicksale meiner Patienten, habe ich auch schon mit mir nach Hause genommen und ich denke, dass mir das immer wieder passieren wird. Ich wuensche mir dann jemanden, der dann bereit ist, mich in den Arm zu nehmen ohne Anforderungen zu stellen, oder einfach nur zuhoert oder sich einfach schweigend mit mir unterhaelt! Das ist ein schwerer Punkt, aber eigentlich moechte ich mir keine Richtlininien aufzwaengen, ich weiss eh, dass ich bin wie ich bin!
Soweit meine Gedanken ueber mich und meine HP Zukunft
Gila
Tja, gar nicht so einfach...
Also mit schwierigen Patienten kann ich, so meine ich zumindest ganz gut umgehen (obwohl ich privat auch er nicht lange fackele:D ), mit denen habe ich Erfahrung.
Wo ich mich glaube ich zusammenreißen müsste ist, wenn mir ein Patient eine traurige, herzzerreissende Lebensgeschichte erzählt, denn ich hab ziemlich nah am Wasser gebaut und bin manchmal sehr mitfühlend. Naja, ich denke auch das muss man lernen.
Das deckt sich vielleicht mit euren Sorgen:
Was mich am meisten beschäftigt ist zum einen,
ob ich es jemals schaffe richtig gut zu sein? Damit meine ich, wenn ich etwas tue, es mit einer relativ ruhigen Gewissheit tun zu können, dass ich weiß, was ich da tue und warum und dass das richtig so ist.
Und ob ich es schaffe zufrieden und ausgeglichen zu sein und nicht gestresst oder gefrustet, ein Zustand in dem ich schon mehrere gesehen habe.
Darüber, wie ich mich fühlen würde, wenn ich nen richtigen Scheiß gemacht habe, womöglich einen vermeidbaren, darüber mache ich mir auch Sorgen, vielleicht am meisten den Leuten dann in die Augen schauen zu müssen und das denen zu erklären.
Und über noch was, aber das haben hier andere Leute gut in Worte gefasst, lio (http://www.medi-learn.de/medizinstudium/foren/showthread.php?t=29018&highlight=lioness+psychologie) und janine (http://www.medi-learn.de/medizinstudium/foren/showthread.php?t=16892&page=1&pp=5&highlight=distanziert), wenn ich das von einem anderen Forum verlinken darf, da geht es auch um das Thema und ich finde mich in deren Erzählungen auch wieder.
Ich finde es gut, dass du bei Notfällen einfach funktioniert ohne zu zögern, Gila, ich weiß noch nicht, ob ich das kann.
Und Geduld und die Fähigkeit gut mit den Leuten umzugehen, auch wenn sie schwierig sind, finde ich auch total wichtig. Ich glaube das kann ich wenigstens auch. :)
Lieber Marvin,
ich habe mir die Beitraege von Lio und Janine mal durchgelesen und glaube, dass in den Medizinischen Berufen, viel zu wenig darueber geredet wird.
Man kehrt es gerne unter den Tisch und es wird zu einem Tabu, indem sich dann niemand traut, mal offen und ehrlich zu sagen:" Leute, mir geht es total besch.....und ich pfeife darauf, dass ich mit meinem weissen Kittel, auch eine Rolle anziehe.
Psychotherapeuten sind verpflichtet, waehrend ihrer ganzen Laufbahn, staendig eine Supervision bei ihrem eigenen Therapeuten zu machen. Zum Schutz des Patienten ( Transfert ) und zum Eigenschutz.
Warum zum Donnerwetter, sollte man da fuer die anderen Kategorien eine Ausnahme machen? Sind wir nicht alle unter der Dusche nackt?
Jedesmal, wenn ein Patient mit einer Problematik auftaucht, der in uns bekannte Dinge ausgraebt, kommt es unweigerlich zu einer Identifizierung.
Und bitteschoen, machen wir uns die Muehe, auch einmal nicht nur an das noble Mitgefuehl zu denken, sondern auch an die Aggressionen, die geweckt werden koennen. Ich meine nicht, dass man nicht lernen kann, sie zu dominieren, aber es gibt sie.
Stell Dir mal vor, Du bist mit einem Alkoholiker gross geworden. ( nicht die die einschlafen und Gute Nacht sagen ) sondern mit allem Aggressionspotential, die diese Krankheit manchmal mit sich bringt.
Nun kommt er zu Dir/uns in die Not-Ambulanz und macht obendrein noch Randale.
Denken wir tatsaechlich, dass uns der weisse Kittel dafor schuetzt, eigene Gedanken sofort zu verschieben, obwohl wir ihm am liebsten eine reinhaun moechten. Das waere dann nicht der Arzt usw. der das Beduerfnis hat, sondern die Person, die in dem Kittel steckt.
Professionell ist es, sich darueber bewusst zu werden, Eigen-Aufarbeitungsarbeit zu leisten, um dann auf diesen Menschen zugehen zu koennen und nur seine Krankheit sehen, die in ihm wohnt.
So glaube ich, spielt sich das in allen Problematiken ab, ob pos. oder neg. und wir koennen immer wieder nur so mutig sein und dieses Tabu brechen, indem es angeprochen wird, damit auch hier irgendwann eine Veraenderung ( sprich Hilfestuetze ) erreicht wird.
Wir sind alle nur Menschen und jeder traegt seine eigene Geschichte, wie ein Rucksack auf der Schulter. Mal schwerer, mal leichter!
Liebe Gruesse Gila
P.S eine kleine eigene Geschichte.
Zu mir kam ein Patient, den ich schon laenger kannte. Nach genau 3 Minuten Behandlung an ihm, wurde es mir aus unbegreiflichen Gruenden ganz unwohl.
Mein Instinkt sagte mir, Gila du musst hier weg.
Es wurde unertraeglich fuer mich und unter einem Vorwand, verliess ich das Behandlungszimmer. Alle schauten mich in der Praxis verwundert an und eine
Kollegin fragte mich, warum?
Ohne zu ueberlegen, antwortete ich, dass ich spuerte ( sehr stark, ich kann es auch nicht erklaeren ) das dieser Patient, den Tod in sich traegt.
Bloedsinn, kerngesund! Ich machte eine kurze Behandlung und flunkerte ihn auch deswegen an ( er blutet so doll, ich kann nicht weitermachen )
( So etwas ist nicht meine Art, aber es ging nicht anders )
6 Wochen spaeter war er tot.
Soetwas ist fuer mich kein Einzelfall und es ist wirklich hart, aber ich lebe damit und wenn es schlimm wird, dann akzeptiere ich das an mir und habe dennoch einen Weg gefunden, Menschen weiter zu behandeln.
Es ist eben so!
Gila
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