RenateHansen
12.02.06, 08:54
Abendländische Elementenlehre und Konstitution
"So sind im Leib vier Elemente, die viererlei Krankheiten machen. Daher beruht der Mensch auf vier Elementen, gleichsam wie auf vier Müttern. Von diesen stammen Gesundheit und Krankheiten" (Paracelsus).
Die antike Lehre von den Elementen geht zurück auf den griechischen Philosoph und Arzt Empedokles von Agrigent (5 Jh. v. Chr.). Er sprach von vier Wurzelkräften (rhizomata) der Schöpfung, die er Feuer, Luft, Wasser und Erde nannte. Nach seinen Vorstellungen entsteht und vergeht alles Existierende durch Liebe und Streit zwischen diesen Urkräften.
Schon kurz nachdem Empedokles die vier Wurzelkräfte der Schöpfung formuliert hatte, bezeichnete man sie als Elemente. Sie bildeten die erste Grundlage einer wissenschaftlich-rationalen Medizin im Abendland.
Das Feuer
Das Wasser
Die Luft
Die Erde - (alle vier Kupferstiche von Antonius Wierinx (1552 bis 1624))
Somit beeinflusst die antike Elementenlehre seit 2500 Jahren unsere Kulturgeschichte und Heilkunde. Sie dürfte damit eines der ältesten Gedankenmodelle des Menschen über die Natur sein, das heute noch Beachtung findet, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor einigen Generationen.
Elementenlehre und Heilkunst
Ein wichtiger Schritt, um die Elementenlehre in der Medizin praktisch nutzen zu können, war die Zuordnung von Primär- und Sekundärqualitäten zu den Elementen (siehe Grafik):
- Feuer: warm, aber auch trocken
- Luft: feucht, aber auch warm
- Wasser: kalt, aber auch feucht
- Erde: trocken, aber auch kalt
Auf diese Weise ergeben sich Gemeinsamkeiten und Polaritäten der Elemente, die - wie wir noch sehen werden - die Grundlage der Therapie nach den Elementen bilden. Neben den Qualitäten ordnet man bis heute den Elementen Körpersäfte ("humores"), Hauptorgane, Temperamente und Wesensprinzipien zu:
- Feuer: Gelbe Galle / Herz / Choleriker / Ich-Bewußtheit
- Luft: Blut / Niere / Sanguiniker / Gefühle
- Wasser: Schleim / Leber / Phlegmatiker / Lebenskraft
- Erde: Schwarze Galle / Lunge / Melancholiker / Strukturkraft
Das harmonische Zusammenwirken der Säfte (Eukrasie) bedeutet Gesundheit, die Dishamonie (Dyskrasie) dagegen Krankheit. In der Antike verstand man unter Dyskrasie eine schuldige Materie, die durch das Übermaß eines Elements erzeugt wurde. Eine Heilung erfolgte dementsprechend durch die Ableitung des überschüssigen Saftes, beispielsweise durch Schwitzen, Aderlaß, Erbrechen oder Abführen.
Spätestens seit Galen (129 - 199) ordnet man den Elementenqualitäten auch Arzneistoffe zu. Dies sind vor allem Pflanzen, die in ihren Signaturen (Farbe, Geschmack etc.) und ihrer Wirkung den Elementen entsprechen. So gibt es erwärmende und feurige, kühlende und wässrige, anfeuchtende und luftige sowie trocknende und erdhafte Pflanzen, die man zur Behandlung einer übermäßigen Elementenqualität einsetzt.
Therapie nach der Elementenlehre
Um nach den Vorstellungen der Elementenlehre ein Therapiekonzept mit Arzneistoffen aufzubauen, ist es notwendig, die Elemente als Polaritäten zu begreifen. Gegensätze bilden:
- Wasser (kalt)
- Feuer (warm)
- Luft (feucht)
- Erde (trocken)
Die Elementenqualitäten befinden sich im Menschen normalerweise in einem kompensatorischen Gleichgewicht. Je nach Anforderung kann das gegenteilige Element einen Überschuß des gegenüberstehenden ausgleichen. Krankheit entsteht erst bei einer dauerhaften Überbetonung einer Elementenqualität.
Grafik: Das Kräftespiel der Elemente
Ist ein Element pathologisch im Übermaß vorhanden, wird es nicht mehr durch das gegenteilige Element kompensiert. Man kann dann von einem Mangelzustand des Gegenpols sprechen: "Wenn ein Element irrt, so schwächt es das andere, denn alle sollen vollkommen sein und ihren bestimmten Gang haben" (Paracelsus).- (Graphik) Die übliche Therapie mit Arzneistoffen besteht nun darin, das schwache Element zu stärken. So gibt man Pflanzen mit kalter und feuchter Qualität (= Wasser) um eine Überbetonung von Feuer auszugleichen. Dieses Vorgehen nennt man antipathisches Heilen.
Ein Beispiel wäre die Verabreichung von kühlenden und entzündungswidrigen Mitteln des Elements Wasser wie Birke, Malve, Schlüsselblume oder Esche bei Fieber. Gibt man dagegen bei hohem Fieber feurige und stimulierende Mittel wie Echinacea, besteht die Gefahr, daß sich der Zustand verschlimmert. (Echinacea ist ein bewährtes Mittel zur Infektprophylaxe; es regt die Wärmeprozesse und die Immunabwehr an = Mangel an Feuer). Die antipathische Methode eignet sich besonders für Sofortmaßnahmen und zur Linderung von Symptomen. Von einer wirklichen Heilung kann man nicht sprechen, da die Ursache ja nicht in der Schwäche eines Elements, sondern in einem Übermaß besteht.
Es muß also noch einen anderen Weg geben, um die Elemente auszugleichen. Schon Paracelsus (1493 - 1541) kannte einen solchen Weg: "Nie ist eine heiße Krankheit mit Kaltem geheilt worden und nie eine kalte mit Heißem. Doch das ist geschehen, daß Gleiches seinesgleichen geheilt hat" (Paracelsus) - diese Methode nennt man sympathisches Heilen.
Nimmt man ihn wörtlich, so bedeutet dies, daß man eine Überbetonung von Feuer mit Mitteln behandeln muß, die selbst dem Feuerelement entsprechen. Wie kann dies sein, wenn wir doch gerade festgestellt haben, daß bei diesem Vorgehen eine Verschlimmerung passieren müsste?
Das Geheimnis liegt in der Dosis und der Art der verabreichten Arznei. Wenn man die Mittel, die dem überbetonten Element entsprechen, tropfenweise und selten verabreicht, dann erfolgt nur selten eine Verschlimmerung. Paracelsus gebrauchte zudem spagirische Heilmittel, also vergeistigte, die man in ihren Eigenschaften nicht mit substantiellen verwechseln darf. Die Spagirik verändert die Eigenschaften eines Stoffes derart, daß regulierende und/oder gegenteilige Effekte auftreten. Ähnliches passiert bei der Potenzierung eines Stoffes nach den Vorstellungen Samuel Hahnemanns, der ebenfalls eine Vergeistigung der Arznei anstrebte. In der Homöopathie spricht man von einem Umkehreffekt der Wirkung bei der Potenzierung, der in der Regel spätestens ab der sechsten Potenzstufe eintritt. Es hat sich übrigens in der Praxis bewährt, die antipathische mit der sympathischen Methode zu kombinieren. Bei Fieber wäre dies beispielsweise eine Kombination der oben genannten entzündungswidrigen Mittel mit Echinacea D6.
Olaf Rippe
"So sind im Leib vier Elemente, die viererlei Krankheiten machen. Daher beruht der Mensch auf vier Elementen, gleichsam wie auf vier Müttern. Von diesen stammen Gesundheit und Krankheiten" (Paracelsus).
Die antike Lehre von den Elementen geht zurück auf den griechischen Philosoph und Arzt Empedokles von Agrigent (5 Jh. v. Chr.). Er sprach von vier Wurzelkräften (rhizomata) der Schöpfung, die er Feuer, Luft, Wasser und Erde nannte. Nach seinen Vorstellungen entsteht und vergeht alles Existierende durch Liebe und Streit zwischen diesen Urkräften.
Schon kurz nachdem Empedokles die vier Wurzelkräfte der Schöpfung formuliert hatte, bezeichnete man sie als Elemente. Sie bildeten die erste Grundlage einer wissenschaftlich-rationalen Medizin im Abendland.
Das Feuer
Das Wasser
Die Luft
Die Erde - (alle vier Kupferstiche von Antonius Wierinx (1552 bis 1624))
Somit beeinflusst die antike Elementenlehre seit 2500 Jahren unsere Kulturgeschichte und Heilkunde. Sie dürfte damit eines der ältesten Gedankenmodelle des Menschen über die Natur sein, das heute noch Beachtung findet, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor einigen Generationen.
Elementenlehre und Heilkunst
Ein wichtiger Schritt, um die Elementenlehre in der Medizin praktisch nutzen zu können, war die Zuordnung von Primär- und Sekundärqualitäten zu den Elementen (siehe Grafik):
- Feuer: warm, aber auch trocken
- Luft: feucht, aber auch warm
- Wasser: kalt, aber auch feucht
- Erde: trocken, aber auch kalt
Auf diese Weise ergeben sich Gemeinsamkeiten und Polaritäten der Elemente, die - wie wir noch sehen werden - die Grundlage der Therapie nach den Elementen bilden. Neben den Qualitäten ordnet man bis heute den Elementen Körpersäfte ("humores"), Hauptorgane, Temperamente und Wesensprinzipien zu:
- Feuer: Gelbe Galle / Herz / Choleriker / Ich-Bewußtheit
- Luft: Blut / Niere / Sanguiniker / Gefühle
- Wasser: Schleim / Leber / Phlegmatiker / Lebenskraft
- Erde: Schwarze Galle / Lunge / Melancholiker / Strukturkraft
Das harmonische Zusammenwirken der Säfte (Eukrasie) bedeutet Gesundheit, die Dishamonie (Dyskrasie) dagegen Krankheit. In der Antike verstand man unter Dyskrasie eine schuldige Materie, die durch das Übermaß eines Elements erzeugt wurde. Eine Heilung erfolgte dementsprechend durch die Ableitung des überschüssigen Saftes, beispielsweise durch Schwitzen, Aderlaß, Erbrechen oder Abführen.
Spätestens seit Galen (129 - 199) ordnet man den Elementenqualitäten auch Arzneistoffe zu. Dies sind vor allem Pflanzen, die in ihren Signaturen (Farbe, Geschmack etc.) und ihrer Wirkung den Elementen entsprechen. So gibt es erwärmende und feurige, kühlende und wässrige, anfeuchtende und luftige sowie trocknende und erdhafte Pflanzen, die man zur Behandlung einer übermäßigen Elementenqualität einsetzt.
Therapie nach der Elementenlehre
Um nach den Vorstellungen der Elementenlehre ein Therapiekonzept mit Arzneistoffen aufzubauen, ist es notwendig, die Elemente als Polaritäten zu begreifen. Gegensätze bilden:
- Wasser (kalt)
- Feuer (warm)
- Luft (feucht)
- Erde (trocken)
Die Elementenqualitäten befinden sich im Menschen normalerweise in einem kompensatorischen Gleichgewicht. Je nach Anforderung kann das gegenteilige Element einen Überschuß des gegenüberstehenden ausgleichen. Krankheit entsteht erst bei einer dauerhaften Überbetonung einer Elementenqualität.
Grafik: Das Kräftespiel der Elemente
Ist ein Element pathologisch im Übermaß vorhanden, wird es nicht mehr durch das gegenteilige Element kompensiert. Man kann dann von einem Mangelzustand des Gegenpols sprechen: "Wenn ein Element irrt, so schwächt es das andere, denn alle sollen vollkommen sein und ihren bestimmten Gang haben" (Paracelsus).- (Graphik) Die übliche Therapie mit Arzneistoffen besteht nun darin, das schwache Element zu stärken. So gibt man Pflanzen mit kalter und feuchter Qualität (= Wasser) um eine Überbetonung von Feuer auszugleichen. Dieses Vorgehen nennt man antipathisches Heilen.
Ein Beispiel wäre die Verabreichung von kühlenden und entzündungswidrigen Mitteln des Elements Wasser wie Birke, Malve, Schlüsselblume oder Esche bei Fieber. Gibt man dagegen bei hohem Fieber feurige und stimulierende Mittel wie Echinacea, besteht die Gefahr, daß sich der Zustand verschlimmert. (Echinacea ist ein bewährtes Mittel zur Infektprophylaxe; es regt die Wärmeprozesse und die Immunabwehr an = Mangel an Feuer). Die antipathische Methode eignet sich besonders für Sofortmaßnahmen und zur Linderung von Symptomen. Von einer wirklichen Heilung kann man nicht sprechen, da die Ursache ja nicht in der Schwäche eines Elements, sondern in einem Übermaß besteht.
Es muß also noch einen anderen Weg geben, um die Elemente auszugleichen. Schon Paracelsus (1493 - 1541) kannte einen solchen Weg: "Nie ist eine heiße Krankheit mit Kaltem geheilt worden und nie eine kalte mit Heißem. Doch das ist geschehen, daß Gleiches seinesgleichen geheilt hat" (Paracelsus) - diese Methode nennt man sympathisches Heilen.
Nimmt man ihn wörtlich, so bedeutet dies, daß man eine Überbetonung von Feuer mit Mitteln behandeln muß, die selbst dem Feuerelement entsprechen. Wie kann dies sein, wenn wir doch gerade festgestellt haben, daß bei diesem Vorgehen eine Verschlimmerung passieren müsste?
Das Geheimnis liegt in der Dosis und der Art der verabreichten Arznei. Wenn man die Mittel, die dem überbetonten Element entsprechen, tropfenweise und selten verabreicht, dann erfolgt nur selten eine Verschlimmerung. Paracelsus gebrauchte zudem spagirische Heilmittel, also vergeistigte, die man in ihren Eigenschaften nicht mit substantiellen verwechseln darf. Die Spagirik verändert die Eigenschaften eines Stoffes derart, daß regulierende und/oder gegenteilige Effekte auftreten. Ähnliches passiert bei der Potenzierung eines Stoffes nach den Vorstellungen Samuel Hahnemanns, der ebenfalls eine Vergeistigung der Arznei anstrebte. In der Homöopathie spricht man von einem Umkehreffekt der Wirkung bei der Potenzierung, der in der Regel spätestens ab der sechsten Potenzstufe eintritt. Es hat sich übrigens in der Praxis bewährt, die antipathische mit der sympathischen Methode zu kombinieren. Bei Fieber wäre dies beispielsweise eine Kombination der oben genannten entzündungswidrigen Mittel mit Echinacea D6.
Olaf Rippe